The new book by Ralph Eckert
„The last freedom.“ € 19,80 (within EU delivery is free of charge).
This is not only for billiard players. Here you find general reflections about winning and loosing. About rage and the power of smiling. About how to handle trouble. About fun. About justice and reality, training and match, strength and weakness. About the last freedom, about fame without money. This book contains 27 chapters and is available only in German. ISBN 978-3-00-033139-8
|
|
Leseprobe
„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
(Friedrich von Schiller)
„Im Spiel zeigt sich der Charakter.“
(Altes Sprichwort)
"Lern im Leben die Kunst, Kunstwerk lerne das Leben, siehst du das Eine recht, siehst du das Andere auch."
(Hölderlin)
Die Weisungen meines Mentors und Billardmeisters Mr. Kim waren immer konzentriert und sollten mich zum Nachdenken anregen. Ich habe im Laufe der Zeit viele notiert und sie in diesem Buch als Zitate den Kapiteln vorangestellt. Mr. Kim ist so ein Mensch, der gibt dir einen erklärenden Satz und du denkst „Hey klar! Super! Danke!“ Und nach Jahren des Lebens mit so einer Sentenz erkennt man in ihr noch einen weiteren Aspekt. Der Gehalt bleibt bestehen, aber er vertieft sich und überrascht mit einer weiteren Bedeutungsebene. Ich habe das nicht nur einmal erlebt. Jahre später konnte ich übrigens als Gasthörer der Universität Heidelberg in sportpsychologischen Vorlesungen und Seminaren feststellen, dass die Wissenschaftler die Richtigkeit der Weisungen meines Lehrers bestätigten. Auch beim Studium der Lehren des Zen und der fernöstlichen Philosophie erinnerte ich mich immer wieder an ihn. Somit ist jedes dieser Zitate Mr. Kims für mich wahr und wird es immer bleiben. Ich bin im Laufe der Jahre mit ihnen gewachsen und biete sie hier auch anderen zum Nachdenken und als Hilfe an.
Viele Menschen auf der ganzen Welt halten Pool Billard für das faszinierendste Spiel von allen. Ich liebe es von Jugend an so sehr, dass ich das berufliche Wagnis eingegangen bin und Profi wurde. Es war und ist nicht immer leicht, aber ich habe es nie bereut. Die Ästhetik dieses Spiels kann berauschend sein. Wenn man beim Pool Billard in den berühmten „Flow“ gerät, empfindet man Glück und kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass man noch einen Fehler machen wird. Für dieses Glücksgefühl beim Spiel auf technisch höchstem Niveau mit den glänzenden Kugeln auf eleganten und gepflegten Tischen in der gedämpften Atmosphäre seriöser Billard Cafés oder luxuriöser Turnierhotels überall auf der Welt lohnt es sich, Tausende und Abertausende von Trainingsstunden in Kauf zu nehmen. Dies bedeutet einsames Mühen Tag um Tag, nur um dieses berauschende Gefühl erleben zu dürfen, wenn die Lösung schwierigster Aufgaben perfekt aufgeht, wenn der warme und satte Klang der Bälle von bester Stoßqualität kündet, die Objektbälle in den Taschen verschwinden und der weiße Spielball exakt auf die nächste Position läuft. Es ist großartig, sich den Anspannungen von Matches auf des „Messers Schneide“ gewachsen zu zeigen und unter Druck die hohe Konzentration und mentale Stärke eines Pool Profis demonstrieren zu können, die es ermöglicht, auch jetzt noch mit derselben Sicherheit zu spielen wie zuvor im Training. Und die Entscheidung für eine falsche Taktik bedeutet meist ebenso das Ende wie das Versagen der Nerven: Wer dumm spielt, hat ein Problem und die Angst besorgt den Rest.
Wahre Krimis gegen die größten Spieler der Welt habe ich erlebt: Am Ende gewinnt der momentan Bessere und dabei zu sehen, dass Fairplay und wahrer Sportgeist auch noch beim Spiel um viel Geld gewahrt werden können, ist großartig, aber ich habe natürlich auch eher Klägliches beobachten müssen. Und es gibt da auch so mancherlei „Drumherum“, das zu fesseln vermag oder aber über die Jahre hinweg ständig viele Spieler nervt und nicht besser wird wie zum Beispiel ein ausuferndes Funktionärswesen samt seinen notorischen Begleitern als da wären die reine Lehre der Sportideologen und grassierende Überregulierung. Aber hierzu später mehr.
Ohne zu weit vorgreifen zu wollen: Am Anfang stand eine Wette über meine Person, von der ich erst Jahre später erfuhr. Auch so können Weichen für ein Leben gestellt werden und seitdem spielte und spiele ich Turniere auf der ganzen Welt, gelte als international renommierter Trainer und betreue nicht nur Nationalmannschaften; meine Bücher zum Thema sind hoch gelobt und „Modernes Pool“ gilt in Europa gar als unerreicht. Zudem bin ich offizieller Weltmeister im Trickstoß der World Pool-Billiard Association und trete mit meiner Show wirklich überall auf. Mit einem Wort: Ich schlage mich als Profi auf unserem Globus durch, so gut es geht und die Summe meiner Flugmeilen würde ich wirklich gerne mal erfahren.
Letztlich bin ich einfach nur meinem Azubi-Traum aus BASF-Zeiten gefolgt, in dem ich nicht fünfmal die Woche jeden Morgen um acht in der Fabrik antrat, sondern im Sportwagen fern aller Fesseln eines normalen bürgerlichen Lebens von einem aufregenden Spiel zum nächsten eilte. In den USA natürlich und dies von Stadt zu Stadt und Bundesstaat zu Bundesstaat. Ich träumte von einer der letzten großen Freiheiten, die es noch gibt, wie Mr. Kim es einmal formuliert hatte.
Wer aber ist Mr. Kim? Wer ist der Mann, der in diesem Buch eine wichtige Rolle spielen wird? Nun er war mein gestrenger Billardmeister und ein väterlicher Freund, der mich immer im Auge behalten hat, wofür ich ihm stets dankbar sein werde. Mr. Kim kam aus Shanghai. Sein Vater stammte aus dem heutigen Nord-Korea und war dort ein hochrangiger und offensichtlich sehr prominenter Widerstandskämpfer gegen die damaligen japanischen Besatzer. Die Familie befand sich deswegen beständig auf der Flucht und diese führte sie über die Mandschurei und Shanghai schließlich bis nach Hongkong. Von Herkunft aus gutem Hause wurde er einerseits in der Tradition seines Standes klassisch nach Konfuzius und Lao Tse erzogen, erfuhr aber auch eine starke westliche Prägung, denn er besuchte ein englisches Elite-Internat in Macau. Anschließend studierte er Anglistik, Physik und Mathematik an Universitäten in den USA, in Österreich und England und zuletzt in Heidelberg. Durch vielerlei Lebensumstände wurde er schließlich Besitzer eines berühmten Billardsaals in Ludwigshafen. Zum Zeitpunkt unseres ersten Treffens war er bereits in den „besten Jahren“, also ein erfahrener Mann, der nicht nur viel gesehen und erlebt hatte, sondern auch darüber nachgedacht hatte. Ja, und natürlich war er ein brillanter Billardspieler, der es „faustdick“ hinter den Ohren hatte. Sprechen wir es getrost aus: Er konnte knallhart sein! Und wenn seine Zöglinge, insbesondere ein gewisser Ralph, nicht sofort die Bedeutung dessen begriffen, was er ihnen mitzuteilen hatte, dann erfasste ihn bisweilen eine plötzliche Schwäche. Nur noch ein extrem starker Kaffee, in dem der Löffel praktisch von allein senkrecht stehen konnte, brachte ihn wieder zu Kräften. Begriffsstutzigkeit mag er bis heute nicht, auch wenn er im Alter milder geworden ist.
Lange habe ich gezögert, Mr. Kims Weisungen sowie meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen in dieser Form zu veröffentlichen, schließlich bin ich kein Gelehrter, sondern ein Billardspieler. Ermutigt haben mich auch Gespräche mit Mr. Kim, der zu diesem Buchprojekt sagte: „Philosophieren darf jeder!“ Das ist wahr und bereits die antiken Philosophen Platon und Aristoteles haben uns erklärt, dass am Anfang aller Philosophie das „Staunen“ steht. Ich habe schon oft und ausgiebig gestaunt, so zum Beispiel über ein Spiel, in dem man wohl nie auslernt, denn allein seine Technik kann einen lebenslänglich beschäftigen. Zudem ist die Herausforderung für die Spieler im Match beträchtlich und so lässt sich auch wahrlich über die Menschen staunen und wozu sie im Guten wie im Schlechten fähig sind.
Nun will ich es natürlich nicht zu hoch hängen! Ich reflektiere in diesem Buch auf der Grundlage von Weisungen meines Billardmeisters Mr. Kim, eigener reicher Erfahrungen und meines als Trainer erworbenen Wissens über ein Spiel, dass weltweit Zigmillionen Menschen begeistert und das beispielsweise in Asien und den USA einen ungleich höheren Stellenwert genießt als bei uns in Europa. Die philippinischen Topspieler kennt in ihrer Heimat jedes Kind. Sie haben den Status von Nationalhelden und nicht viel anders ist es in Taiwan oder auch in China. Unsere deutschen Weltmeister wie Ralf Souquet, Oliver Ortmann oder Thorsten Hohmann zum Beispiel sind in den Staaten oder in Asien viel prominenter als es sich hier viele vorstellen können.
Ich wollte immer über das nachdenken, was ich mir zur Profession gemacht habe, und erkennen, was dies alles bedeutet, das man da erfährt und das einem auch widerfährt. Dieses Buch ist in der Tat gänzlich anderen Charakters als ein klassisches Lehrbuch in streng systematischer Gliederung. Hier sollen vielmehr Grundprobleme von Spielern auf ihrem Weg zum Erfolg reflektiert werden und zwar perspektivisch, was heißt, dass ich sie aus verschiedenen Blickwinkeln und in verschiedenen Kontexten drehe und wende und gelegentlich auch etwas wieder aufgreife, weil es in neuem Zusammenhang nochmals beleuchtet werden will. Zusätzlich werde ich meine Erkenntnisse anhand exemplarischer Beispiele veranschaulichen und die eine oder andere erhellende Anekdote darf natürlich auch nicht fehlen. In dieser Weise möchte ich Denkanstöße geben und helfen!
Aussagen meiner Trainingsteilnehmer halfen mir ebenfalls bei der Entscheidung für dieses Buch. Zu ihnen zählen Unternehmer, Führungskräfte ebenso wie Künstler, Schriftsteller, Akademiker und Spieler. Man lernt viel über die Menschen, wenn sie Billard spielen, und so lässt sich aus der Art wie sie es spielen, bisweilen recht gut schließen, welchen Führungsstil sie als Chef pflegen oder wie sie sich generell Problemen und Widerständen stellen. Grundsätzlich gilt: Es spielt immer der ganze Mensch und dies in seiner spezifischen Verfasstheit und Tagesform. Es ist immer konkret, denn das Ergebnis wird auf dem Tisch sofort sichtbar. Und das kennen wir Billardspieler doch alle: Gestern noch gelang alles wie im Rausch und am nächsten Tag bedeutet jeder Ball ein Problem. Man ist noch derselbe und doch ein anderer. Jeder Spieler kennt diese Situation und den zermürbenden Kampf gegen die aufsteigende Verzweiflung. An solchen Tagen arbeitet und kämpft man sich dann so durch, schließlich steht man im Turnier und die nächste Runde muss geschafft werden. Da erinnert man sich schon mal wehmütig an den gestrigen Jubeltag. Der Job aber verlangt, dass man standhält und nicht denkt: „Ich gebe einfach nach und dann ist Ruhe! Schließlich hat jeder schon mal verloren!“ Schon klar, der Druck ist dann weg, aber man kann nicht vor sich selbst weglaufen. Die Flucht aus einer solchen Situation ist für die Psyche weit problematischer als ein Kampf, in dem man am Ende mit wehenden Fahnen untergeht, aber wenigstens alles gegeben hat. So lebt sich’s besser!
Aber was passiert in solchen Momenten eigentlich genau und wie kommt man aus der oft selbst verschuldeten Situation wieder heraus? Gewiss, jeder ist anders und doch gibt es grundsätzliche Erkenntnisse, die hier besprochen werden sollen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie einem wirklich helfen können, das Problem in den Griff zu bekommen und darum soll es in diesem Buch in erster Linie gehen. Ein jeder möge für sich selbst prüfen, welche der Weisungen und Anregungen ihm mehr helfen und welche weniger, denn die Menschen sind nicht nur als Spielerpersönlichkeiten verschieden. Unsere Thematik aber wird so komplex sein wie die Menschen, die sich im Billard bewähren wollen.
Ralph Eckert